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Der Rausch meines Lebens

Aktualisiert: Jan 4

The road of excess leads to the palace of wisdom.

– William Blake


München – biertrinkend in der Geyerwally, einer urgemütlichen Kneipe am Rande des Glockenbachviertels. Ein Ort an dem jeder willkommen ist und ein Zuhause des Rausches. Das Bier ist günstig, die Musik mit Liebe aufgelegt; überall gut kultivierter Schorf, draußen wird viel geraucht. Ich stecke mit meiner Begleitung die Köpfe zusammen und diskutiere mit ihnen bei steigendem Alkoholpegel hitzig und scharf. Echte Kneipenromantik. In einer kurzen Trinkpause macht mich jemand auf das Schild über dem Tresen aufmerksam. Die deutsche Übersetzung des obenstehenden Zitates von William Blake: Die Straße der Maßlosigkeit führt zum Schloss der Weisheit. Das gab mir nicht nur an diesem Abend zu denken.

Während meines ersten Rausches in jungen Jahren warf mir eine Freundin an den Kopf, wie kindisch das sei. Gelernt habe ich dieses Verhalten jedoch nicht von anderen jungen Menschen, gar Kindern, sondern von Erwachsenen jeden Alters und aller Schichten: „Gesoffen wird überall“, sagte mir einmal ein weiser, alter Mann. Doch der Drogenrausch ist nicht der einzig bekannte Rausch. Weihnachten ist noch nicht ganz vorüber: Fresskoma, Weihnachtsbockbier, teure Weine wechseln die Besitzer, verschenktes Geld wird verprasst, doppelte Geschenke zurückgegeben oder weiter verschenkt, die Kaufhäuser sind nach den Feiertagen ebenso voll wie davor. „Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger“, sprach einst Karl Valentin. Wird es auch, aber der Weihnachtsrausch hat seine Nachwehen.

Zwischendrin ist Silvester. Ganze Geldsäcke werden in die Luft gejagt, Quantität statt Qualität. Geballer, bunter Funkenflug; darüber hinaus Alkoholvergiftungen, Verbrennungen und steigende Selbstmordraten ob des großen, kulturellen Symbolcharakters gerade für einsame Seelen, die von diesem Rausch ausgeschlossen sind. Erwachsen in jenem Sinne, wie Jugendlichen der Begriff nahegelegt wird, wenn sie hören: „Zeit erwachsen zu werden“, ist das nicht. Die Steigerung findet sich im Kampf um das Recht zum Rausch: Legalisierung von Marihuana zum Beispiel. Zeitgenössische Hedonisten wie Robert Pfaller sehen den Untergang des Genusses und sich selbst im Kampf für den Rausch, während er gegen die Lebensgeschichte eines trockenen Alkoholikers prallt (so geschehen auf der philcologne, 2015; es diskutierten der Philosoph Robert Pfaller und der Journalist Daniel Schreiber).

Es ist hingegen nicht korrekt, maßvollen Genuss mit ausschweifendem Rausch gleichzusetzen. Dennoch sind sie eng miteinander verknüpft, da die Übergänge dazwischen sehr sensibel und unscharf sind, mitunter höchst individuell. Es ist offensichtlich ein sehr emotionales Thema, nur bleibt das Fragezeichen darüber bestehen, was nun am Rausch Weise sein soll, wie Blake es konstatiert. Lesen wir also genau.

Das Schloss der Weisheit ist das Ziel der Bestrebungen, der Weg dorthin ist aber gepflastert von Exzessen. Nicht die Weisheit selbst ist exzessiv, sondern lediglich der Weg zu ihr. Hier könnten wir nun in einen stumpfen Hedonismus fallen und sagen: je mehr Räusche, desto näher kommen wir der Weisheit. In dieser Flachheit gibt es nichts zu entlarven, diese Formulierung spricht von sich aus gegen sich. Sollten wir klären, was Weisheit ist? Das sprengt den Rahmen, aber eine kurze Charakterisierung hilft schon weiter: Weisheit ist vernünftige Lebenserfahrung. Vernunft beinhaltet hier keinesfalls nur das mechanisch durchdachte. Vernunft muss auch das körperlich-emotive, das Irrationale einschließen. Unser Körper ist eine große Vernunft (frei nach Nietzsche). In der Tätigkeit des Berauschens kommen wir diesem anderen der Vernunft ganz besonders Nahe. Doch für die Transzendierung in Richtung Weisheit benötigt es nicht nur die Erfahrung dessen, sondern eben die vernünftige Erfahrung. Das körperlich-emotive, Irrationale muss sich mit dem Rationalen der Vernunft kurzschließen und eine Metaperspektive eröffnen. In dieser Metaperspektive erst können die Grenzgänge und Grenzerfahrungen eines Rausches zu größerer Weisheit führen. Es ist im besten Sinne Reflexion von etwas, dass uns wie kaum etwas bewegt und beschäftigt. Räusche, egal welcher Art, gehören zu den intensivsten Geist-Körper-Zuständen, die wir als Mensch machen können. Ganze Kulturgeschichten und -anthropologien handeln davon. So lässt sich abschließend vermuten, dass Sichberauschen vernünftig, und Weisheit nicht ohne die Gefahr des gänzlichen Scheiterns zu haben ist. Jeder Exzess kann den völligen Untergang bedeuten, uns aber auch um vieles bereichern, sofern er nicht für sich allein besteht respektive Selbstzweck wird. Wer ist nun im Recht: der Hedonist oder der Asket? Letztlich muss man festhalten, dass auch der radikale Verzicht etwas Rauschhaftes hat. So behält zu Beginn des Jahres 2020 nur William Blake recht.

Das Fatale an dieser Sichtweise ist der etwas zu herrliche Ton. Auf Menschen, die an Abhängigkeiten leiden, kann dies wie blanker Hohn wirken – so wie Pfaller auf Schreiber gewirkt haben muss. Schreiber aber hat aus seinem vorläufigen Scheitern etwas Neues gemacht. Er ist einen Tod gestorben, um sich selbst neuen Nährboden zu geben. Vielleicht stand bei ihm irgendwann die Frage im Vordergrund, nicht mehr: „Wie entziehe ich mich?“, sondern: „Wie entsteht daraus etwas Fruchtbares?“ Er hat es geschafft und damit einen wichtigen Kerngedanken der philosophischen Praxis realisiert.