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  • David Westphal

Wer wir sind; oder: die Moral unserer Geschicht

Die Zeit hat uns einen Schicksalsschlag beschert: den Coronavirus. Es wurde viel darüber diskutiert, was moralisch vertretbar sei. Was, wenn nur noch ein Beatmungsgerät zur Verfügung steht, aber drei Patienten es benötigen? Sagen wir eine siebzigjährige Person ohne nennenswerte krankengeschichte und eine dreißigjährige Person mit einer Krebsdiagnose. Die dritte Person ist erst fünfzehn, könnte aber eventuell auch ohne Beatmung COVID-19 überstehen. Ein Trilemma, mithin ein moralisches Problem.

Eine weitere Frage, die hie und da zur Diskussion stand, war, ob es nicht möglich wäre, nur Risikogruppen abzuschotten, während der Rest der Gesellschaft einigermaßen normal weiter lebt und wirtschaftet, bis eine sogenannte Durchseuchung der Bevölkerung vollendet ist. Dürften wir mit einem Handschlag einem nicht unbedeutend großen Teil unserer Nachbarn, Freunde und Familien einige Rechte massiv in Folge des Notstandes beschneiden?

Können wir die Wirtschaft auf unbestimmte Dauer herunterfahren, ohne den Lebensstandard der europäischen Bevölkerung dauerhaft zu gefährden? Sollten wir Erntehelfer importieren, obwohl für Deutsche ein Lockdown angeordnet ist? Sollten wir verreisen und in Kauf nehmen, dass die Gemeinschaft für etwaige Folgen aufkommt?

Sehr viele Fragezeichen, die, sofern sie nicht offen moralische sind, zumindest eine moralische Dimension beinhalten. Diese Dimension beschäftigt sich mit der Frage, ob unsere Entscheidung moralisch gut oder schlecht ist. Und für wahr ist das eine sehr ernst zu nehmende Frage. Wird unsere Handlung unserem Menschenbild, unserer Gesellschaft und unserem Selbstbild gerecht?

Die Ethik ist gewissermaßen die Wissenschaft über Moral. Sie setzt die Fragezeichen hinter das, was wir Moral nennen. Sie fragt nicht unmittelbar, ob eine bestimmte Handlung moralisch gut oder schlecht ist, sondern was moralisch überhaupt bedeutet. Ausnahme bildet das Teilgebiet der sogenannten angewandten Ethik, die konkrete Probleme in den Blick nimmt. In der Tat haben wir viele Fragen innerhalb einer Gesellschaft, aber auch privat auf ihre moralische Güte zu prüfen und dafür ist es sinnvoll – wenngleich unangenehm – die Fragezeichen hinter dem Moralischen nie durch einen Punkt oder gar ein Ausrufezeichen zu ersetzen. Stattdessen wäre die stete Befragung notwendig.

Die Ethik ist demnach die Wissenschaft vom (richtigen/guten) Handeln und möchte herausstellen, was richtige/gute Handlungen auszeichnet. Das ist ein sehr zeitgenössisches und anwendungsorientiertes Verständnis. Die Philosophie möchte im Gespräch bleiben und kämpft vor Gremien und Verökonomisierung um ihre Relevanz. Doch es fehlt ein entscheidender Faktor in dieser Gleichung: die handelnden Menschen, das lebendige Subjekt. Wer ist es, der da handelt? Was macht die Person aus? In welchem Verhältnis stehen das Handeln und das Leben der Person?

Warum sollte das interessant sein? In einem kurzen Satz ließe sich wie folgt darauf antworten: Wir verantworten nicht nur unsere Taten, sondern auch uns selbst. Die heute gestellten Fragen der Ethik sind nicht weniger brisant, jedoch sind sie deutlich schlanker, als die Frage: Was ist ein gutes und gelingendes Leben? Diese Frage verführt eventuell zu der Antwort, dass ein gutes und gelingendes Leben dort möglich ist, wo die Moral nicht lästig wird. Auf Bali zum Beispiel, bei südafrikanischem Wein und einem Wiener Schnitzel. Das hingegen ist eine Folgeerscheinung dieser verarmten Ethik. Das gute und gelingende Leben wird nicht mehr mit der Moral verknüpft, sondern nur lästigerweise dagegen gehalten. Ein tiefschürfender Verlust für eine Gesellschaft und gleichfalls für die persönliche Entwicklung.

Was ist nun die Moral unserer Geschichte? Ein markiger Satz, der zumeist eher humorvoll, zuweilen sarkastisch einen Weg zu Konsequenzen einer Reihe von Handlungsabläufen bahnt. Das hättest du anders machen sollen, lerne daraus! Man dürfte Geschichte hingegen statt als Episode in einem Leben auch als die gesamte Geschichte Unsererselbst verstehen: die Vorvergangenheit unserer Ahnen, unserer Gesellschaft und ihrer Traditionen, unserer eigenen Vergangenheit, unserer aktuellen Zustände und den daraus resultierenden, möglichen Zukünften. Nicht nur das durch die Zeit geformte und bestehende Ich, sondern das ganze Wir. Nun dürfte deutlich sein, warum konkrete Fragen der Ethik an die Moral deutlich schlanker sind. Es sollte mithin deutlich sein, warum diese ganzheitliche Art des Fragens einen anderen, aber nötigen Horizont unseres Denkens und Handelns darstellt.


Dies kann nun nicht als eine ausgefeilte Moralphilosophie gelten, es ist ein Fingerzeig auf ein theoretisch zu lösendes Problem, das sich etwa in pädagogischer, politischer und individueller Praxis niederschlagen könnte und sollte. Eine veränderte, geistige Haltung führt auch zu anderen Entscheidungen und Taten. Dies als Denkanstoß.


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