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  • David Westphal

Wozu Philosophie¹

Aktualisiert: 15. Nov 2019

Spezifischer: wozu philosophische Praxis. Es handelt sich hier nicht um eine Frage, hingegen ist es auch kein Zufall, dass diese Ellipse nur ein Satzzeichen weit entfernt von einer Frage ist. Ich möchte aber nicht davon sprechen, wozu Philosophie überhaupt, also nicht das weite und verzweigte Feld des Wofür der Philosophie schlechthin beackern. Dies mag an anderer Stelle meiner Arbeit geschehen. Doch zu förderst ein paar Sätze darüber, was philosophische Praxis sein kann. Der Versuch einer ersten theoretischen Grundlegung.

Im Universitären unterscheidet man üblicherweise grob zwischen theoretischer Philosophie und praktischer Philosophie. In Ersterem sind theoretische Fragen angesiedelt, die die Beschaffenheit der Welt abstecken. Was ist eine Einheit? Was ist der Geist oder das Bewusstsein? Was ist Gott? Was ist der Mensch? Was können wir wissen? Was ist Kunst? Usf.

Das Letztere ist nicht etwa eine praktische Anwendung der theoretischen Philosophie, sondern genauer gesprochen die Theorie der Praxis, das heißt: die Theorie vom (richtigen und falschen) Handeln. Dort geht es um Ethik, um Werte und Moral.

Eine Frage, die bei einem der Urväter der abendländischen Philosophie (Aristoteles) noch hoch im Kurs stand, heutzutage aber in der akademischen Philosophie eher ein randständiges Dasein führt, ist die Frage nach dem guten und gelingenden Leben. Das führt schon in Richtung der philosophischen Praxis, doch auch in dieser Frage geht es mehr um die Interpretation und Beantwortung dieser Frage, als um die Anwendung irgendeiner Art von Philosophie.

In der berüchtigten 11. These über Feuerbach von Karl Marx heißt es: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ Was kann das bedeuten? In Karl Marxens Fall hieß das: Revolution und Klassenkampf. In der philosophischen Praxis? Wohlwollend auf den Begriff der Revolution blickend, hat die philosophische Praxis viel mit ihr gemein. Eine Revolution ist der Ausdruck eines starken Willens zur Veränderung und Entwicklung: Zersetzendes und Schädliches zu überwinden. Es ist die Erklärung dazu, alten Ballast hinter sich zu lassen, auch wenn es weh tun könnte. Revolution ist das Entkommen aus der Fremdbestimmtheit mit dem Zweck, die eigene Geschichte in die Hand zu nehmen. Überwindung bedeutet nicht einfach nur ein hohles Zerschmettern der bestehenden Verhältnisse. Es ist viel subtiler als das, und vernünftiger. Die Überwindung akzeptiert die Vergangenheit bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt als unbedingt notwendig in der Entwicklung. Die Vergangenheit hat Strukturen und Potenziale hervorgebracht, die eine bessere Zukunft ermöglichen. Jetzt ist die Zeit reif, jene Strukturen und Potenziale in diese lebenswertere Zukunft zu überführen. Aus einer anderen Perspektive bedeutet dies: jene lebenswertere Zukunft ist schon sehr manifest im Bestehenden, aber noch nicht da.

Aus diesem Zusammenhang entsteht die Utopie. Übersetzt man das Wort Utopie aus der altgriechischen Sprache, dann bedeutet es: Nicht-Ort. Im oben beschriebenen Sinne dürfte man vorsichtig formulieren: ein Noch-Nicht-Ort. Der Samen zur Utopie ist im Jetzt spürbar, aber noch ist der Zeitpunkt seines Aufbrechens, Keimens und Erblühens nicht gekommen. Philosophische Praxis bedeutet also, diesen Samen aufzusuchen und ihm Aufmerksamkeit und Pflege zu schenken, sich an seinem Gedeihen beteiligen. Was macht die philosophische Praxis explizit anders als andere Beratungsangebote, die diese Metapher ebenso gut für sich in Anspruch nehmen könnten? Die Philosophie besteht darauf, nicht zu wissen, um was für einen Samen es sich handelt.

Verlassen wir diese Metapher und kehren sie in die Realität zurück. Probleme und Potenziale werden von anderen Beratungsangeboten häufig unter einem bestimmten Gesichtspunkt begutachtet. Ist es pathologisch? Kann man es optimieren? Hilft diese oder jene Methode weiter? Zu welcher Kategorie gehört es? Lässt es sich rationalisieren? Kann man es heilen? Usf.

Die Philosophie lässt den Gegenstand selbst zu Wort kommen, möchte ihm nur beistehen und gibt im besten Fall, wonach die Sache verlangt, anstatt ihre eigenen Bedürfnisse darüber zu entfalten oder unangemessene Bedürfnisse zu generieren. Diese Weise der Reflexion ist philosophisch, sie anzuwenden ist philosophieren. Und ihre Anwendung ist die philosophische Praxis.

Wichtiger Bestandteil ist das freie Denken, Reden und Argumentieren. Aber die Philosophie, die ihre Vernunftansprüche über die Welt ergießt und erwartet, dass ihr Folge geleistet werden müsse, ist tot. Und das ist richtig so. Denn ein Organismus oder System repräsentiert immer mehr als nur seine Rationalität. In der Tat spielt das Gefangensein in Denkmustern und falschen Ansprüchen, und das darauffolgende Aufbrechen jener, in der philosophischen Praxis eine entscheidende Rolle. Sie wirkt dann wie eine Bereicherungspraxis, die mitdenkt und zeigt, was um die eigenen Mauern herum alles so geschieht, damit sie abgebaut werden können. Ihrer Methode sind dabei keine Grenzen gesetzt, weil sie keine Methodik hat. Sie ist strikt antitherapeutisch, unhierarchisch und antimethodisch. Sie bietet keine ausgetretenen Pfade, fertige, allseits gültige Antworten, aber sie kann trotzdem sehr lösend, formend und vertiefend sein. Denn sie hat eine äußerst lange Denktradition, auf die sie zurückgreifen kann und sie hat in diesen Jahrtausenden gelernt, Sachverhalte genau zu analysieren und in Worte zu gießen. Kurz genommen ist sie universelle Weisheit, die sich im Austausch zwischen Philosophinnen und Philosophen mit ihren Klientinnen und Klienten ereignet. Dazu Philosophie und ihre Praxis.


Dies ist der erste Versuch einer Quintessenz dieses Tätigkeitsfeldes – und freilich kein Aufruf zur Revolution. Dieser Blog soll ein Denk-Ort werden, der rund um das Thema der philosophischen Praxis, Philosophie, Rhetorik und Literatur Anstöße für eigene Reflexionen gibt, wie auch zu meinem eigenen Lernprozess beiträgt. Denn jeder gute Philosoph weiß: es hat sich nie ausgelernt!

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¹ Entlehnt vom gleichnamigen Essay von Theodor W. Adorno.

© 2020, David Westphal, M.A.

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